Nicht nur, dass der Bundespräsident eine fehlerhafte und geschichtsverfälschte Vorstellung von den christlichen Kirchen hat, das haben viele Menschen und man kann es ihm wahrscheinlich auf Grund jahrelanger kindlicher Indoktrination auch nicht vorwerfen; nein, er lässt Religion in seinem Amte als Vertreter des angeblich gesamten Volkes einfließen, und das muss man ihm vorwerfen.
Zu Beginn sei daran erinnert, dass es Bundespräsident Köhler war, der letztes Jahr die Bibel zu seinem wichtigsten Buch erklärte. Diese Meinung sei ihm erlaubt. Nicht erlaubt ist jedoch der dabei erfolgte Indoktrinationsaufruf. Es ist allgemein wahnhaft einem Kinde ein Märchen als Wahrheit einzutrichtern, auch noch mit Schönredung schrecklicher Geschichten. Als Bundespräsident in einer öffentlichen Stellungnahme dazu aufzurufen, grenzt jedoch an Verkennung des von ihm zu vertretenen neutralen, freiheitlichen Staates.
Was dann auf keinen Fall angehen darf ist ein Missionsaufruf des Oberhauptes eines angeblich neutralen, freiheitlichen Staates, in dem viele Konfessionen vertreten, dessen größte Gruppierung jedoch die Konfessionsfreien sind. In seinem Interview mit der Rheinischen Merkur rief Herr Köhler jedoch die Kirchen an, diese sollen um die Austretenden kämpfen. Von negativer Religionsfreiheit hat er wohl noch nix gehört. Wer austreten möchte, der soll es auch ohne Probleme, ohne Furcht vor Job- oder Ansehungsverlust und ohne weitere Belästigung tun können. Aber Herr Köhler meint zu wissen, die Kirchen haben den Auftrag Gottes (welchen denn?), die Botschaft zu verkünden.
Auch seine Interpretation von der Trennung von Staat und Kirche zeigt auf, dass er einerseits über die tatsächlichen Gegebenheiten keine Kenntnis hat oder haben will und andererseits, dass ihm eine wirkliche Trennung entgegen seiner Beteuerung gar nicht am Herzen liegt. Für ersteres erlaube ich mir die Empfehlung, einfach mal die reichhaltigen Informationen über die ungehörigen Verflechtungen von Staat und Kirche in Deutschland beim IBKA e.V. zu betrachten.
Herr Köhler zählt auf, wo er allerdings eine Verflechtung von Staat und Kirche (irgendwie aber doch bei einer bestehenden Trennung… wer sieht hier keinen Widerspruch?) für notwendig und gut erachtet. Und genau dabei verkennt er bei vollem Bewusstsein, dass gerade bei Schule, Sozialpolitik und Gerechtigkeitsfragen kein derartiger Einfluss von irgendeiner Gruppierung vorherrschen darf. Unsere Grundrechte mussten gegen die Kirchen erkämpft werden. Bildung, Ethik und Soziales gebührt jedermann gleichermaßen, niemand darf dadurch ausgeschlossen, bevormundet oder in eine andere Schublade gesteckt werden, weil die Konfession nicht passt. Und mit nichts, mit gar nichts lassen sich Sonder- und Vorzugsrechte der Kirchen rechtfertigen. Auch zB das Argument, es gäbe keine Alternative nicht. Man kann nicht erst ein Monopol durchboxen, um dann das Monopol mit der fehlenden Konkurrenz zu begründen. Und dass die Kirche in ihren sozialen Einrichtungen, die übrigens nur zu einem vernachlässigbar geringen Teil von den Kirchen finanziert werden, kirchliches statt gesetzliches Arbeitsrecht vorschreiben, obwohl Herr Köhler sich doch diese monopolhafte Zusammenarbeit wünscht, ist nichts anderes als staatlich unterstützte Unfreiheit und Ungleichheit der Bürger.
Sehr bedenklich ist ferner, dass es Herrn Köhler sogar freut, dass an Schulen weiterhin gegen die Verfassung verstoßen wird. Herr Köhler, Sie haben Ihren Eid auf das Grundgesetz geschworen! Eine Verfassungswidrigkeit wird nicht deshalb geheilt, weil sich nur wenige die Mühe machen, sich zu beschweren. Verfassungswidrig bleibt verfassungswidrig, auch wenn es nur eine einzige Person treffen würde.
Was macht der Herr Köhler da? Jedenfalls alles andere, als mich repräsentieren, alles andere, als das ganze Volk repräsentieren, alles andere als das Amt des Oberhauptes eines neutralen, freiheitlichen Staates würdig auszuüben. Vielmehr tritt er mE über ein drittel des Volkes, welches er repräsentieren soll, mit Füßen. Ich will ihm nicht seine private Meinung verbieten, aber ich fordere ganz klar, dass ein Bundespräsident sein Amt als Repräsentant des ganzen Volkes achtet. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, bleibt nur ein Ratschlag: Treten Sie zurück, Herr Bundespräsident!
Weiterführend dazu hier bei wissenrockt.de und hier beim hpd.



