Die Krankenkassen fordern die Lebensmittelampel. Die ist ja momentan ziemlich gefragt. Ich halte allerdings wenig bis gar nichts von dieser Schnappsidee.
Natürlich, auf den ersten Blick klingt es nicht schlecht, dem Verbraucher auf einem Blick erkennbar zu machen, ob ein Produkt ungesunde Mengen an Inhaltsstoffen beinhaltet. Aber taugt die Ampel auch beim näheren Hinsehen?
Extrembeispiel: So ist bei über 1,5g Salz pro 100g der Salzgehalt rot markiert. Schokierend wird jetzt erkennbar, dass eine Packung Speisesalz pro 100g so ca. 99,Xg Salz beinhaltet und faktisch mit einem Totenkopf markiert werden müsste. Aber mal ehrlich: wer nimmt 100g Speisesalz zu sich, um dadurch 99,Xg Salz aufzunehmen? In meinen Rezepten steht immer „Prise“ oder „Messerspitze“. Oder andersrum betrachtet: Ein Produkt enthält pro 100g vielleicht 0,3g Salz und ist damit grün. Aber mal ehrlich: wer isst nur 100g von einem Produkt? Die aufgenommene Menge hängt vom Produkt ab, nicht von 100g. Ergo: Die Ableitung der Ampel auf die Dosis je 100g ist nichtssagend, führt eher in die Irre.
Ein weiteres Problem: Diejenigen, dies am meisten betrifft, sind wohl diejenigen, die nicht frisch kochen, viel Fertigprodukte essen. Wenn man jetzt vermehrt nur auf Produkte zugreift, die mehr grün als rot markiert sind, wird die bereits eingeschränkte Ernährung noch weiter eingeschränkt. Ich weiß nicht, ob die Einseitigkeit gut ist, hauptsache sie ist grün…
Und dann sagt die Ampel null aus, wie gesund das Produkt wirklich ist. Da mag ein Produkt vielleicht in allen 4 Kategorien grün sein, aber ob auch andere Inhaltsstoffe drin sind, die der Körper braucht, wird nicht betrachtet. Ein anderes Produkt mag andere gesunde Inhaltsstoffe haben, aber die böse Ampel sagt rot, also lieber nicht einpacken. Man kann die Wertigkeit eines Produktes nicht nur anhand von 4 Kriterien festlegen. Aber wenn da eine rote Ampel entgegenlächelt, wird man doch lieber bei einem Produkt mit grüner Ampel zugreifen.
Unbetrachtet bleibt bei diesem Farbenspiel auch der persönliche Bedarf. Jemand, der viel Sport treibt, braucht zB mehr Salz als jemand, der den ganzen Tag nur im Büro sitzt.
Man könnte jetzt sagen, so dumm ist der Verbraucher nicht, dass er sich nur auf die Ampel verlässt. Aber genau das muss man ja denken, wenn man eine pauschal auf 100g eines Produktes und nur auf wenige 4 Kriterien beschränkte Ampel fordert. Man muss den Verbraucher doch für dumm halten, wenn man ihm eine Übersichtlichkeit schenkt, die in die Irre führt und die das auf die Person gerichtete Nachdenken abnimmt. Wenn man den Verbraucher für intelligent hält, wofür dann dieses nichtssagende Farbenspiel? Wofür diese scheinheilige Übersichtlichkeit, wenn der Verbraucher dann doch ins Kleingedruckte gucken und nachrechnen soll und muss? Und wo ist die Ampel für Vitamine? Bei der würde Wasser zB rot abschneiden. Wer wirklich fordert, dass man die Wertigkeit eines Produktes auf einen Blick erkennen will, muss die halbe Packung mit unzähligen Ampeln versehen. Dann werden allerdings alle Produkte kunterbunt, dass man wiederum nichts erkennt, da jedes Produkt irgendwo rot und irgendwo grün sein wird. Da ist eine Beschränkung auf 4 Kriterien übersichtlicher, egal wie einseitig das Produkt da betrachtet wird⸮ Und da der Verbraucher jeder eine unterschiedliche Menge eines Produktes zu sich nimmt, pauschalisiert man eben mal auf 100g, egal ob man idR viel mehr oder viel weniger zu sich nimmt. Hauptsache es ist übersichtlich, da ist es völlig egal, dass die wirklich zu sich genommene Menge nicht auf einem Blick dargestellt wird⸮ Hauptsache der Verbraucher sieht auf einem Blick viel grün und fühlt sich sicher.
ME ist es besser, dem Verbraucher das Nachdenken – das auf seine Person gerichtete Nachdenken – und die Lust am Essen nicht abzunehmen. Der Verbraucher ist nicht dumm, aber er wird mE immer mehr verdummt, wenn man ihm pauschal Vorgibt „das ist gut“ und „das ist schlecht“, ohne dass das Individuum betrachtet wird. Und wenn man immer öfter aufs grüne Ämpelchen achtet, dann vergeht einem die Lust…
Verfasst von maiktrek 



